Vibe Coding vs. Software Engineering: Warum Bauchgefühl allein kein Unternehmen trägt
•7 Min. Lesezeit


In der modernen Technologiewelt verbreitet sich derzeit ein Begriff wie ein Lauffeuer: „Vibe Coding“. Es klingt nach Entspannung, nach Kreativität und nach einer Leichtigkeit, die wir in der oft als trocken empfundenen Softwareentwicklung bisher vermisst haben. Die Idee dahinter ist simpel: Du setzt dich vor den Rechner, beschreibst einer künstlichen Intelligenz in groben Zügen, was du möchtest, und „vibest“ dich so lange durch den Prozess, bis am Ende eine fertige Anwendung steht. Kein mühsames Erlernen von Syntax, keine schlaflosen Nächte über kryptischen Fehlermeldungen – einfach nur Prompting und Intuition.
Doch während dieser Ansatz für Hobbyprojekte, kleine Skripte oder das schnelle Prototyping einer Idee faszinierend und durchaus effektiv sein kann, lauern für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie professionelle Dienstleister erhebliche Gefahren. In diesem Beitrag beleuchten wir, warum Vibe Coding allein für geschäftskritische Anwendungen nicht ausreicht und wie du KI stattdessen als verlässlichen Partner einsetzt, um die Qualität deiner Software auf ein neues Level zu heben.
Vibe Coding beschreibt einen Arbeitsstil, bei dem die menschliche Komponente des Programmierens fast vollständig auf die Ebene der Kommunikation mit einem Large Language Model (LLM) wie ChatGPT oder Claude verlagert wird. Der „Programmierer“ agiert eher als Kurator oder Regisseur. Er gibt die Richtung vor, lässt die KI den Code schreiben, kopiert diesen in seine Umgebung und testet, ob es „sich richtig anfühlt“ oder oberflächlich funktioniert.
Dieser Prozess ist stark von Versuch und Irrtum geprägt. Wenn etwas nicht passt, wird der Prompt leicht angepasst: „Mach das Design etwas moderner“ oder „Füge noch eine Bezahlfunktion hinzu“. Das Ergebnis ist oft verblüffend schnell sichtbar. Für jemanden, der eine private Rezeptsammlung erstellen oder eine kleine Automatisierung für den Eigenbedarf basteln möchte, ist das eine Revolution. Es demokratisiert den Zugang zur Erstellung digitaler Werkzeuge. Doch im geschäftlichen Umfeld, wo Zuverlässigkeit, Sicherheit und Wartbarkeit an erster Stelle stehen, wird dieser Ansatz schnell zum riskanten Glücksspiel.
Das größte Problem beim Vibe Coding ist die optische Täuschung. Eine KI kann dir innerhalb von Sekunden eine Oberfläche generieren, die professionell aussieht und in den ersten fünf Minuten genau das tut, was sie soll. Das erzeugt ein enormes Erfolgserlebnis. Aber – und das ist das entscheidende Aber – Software besteht nicht nur aus der Oberfläche.
Unter der Haube verbergen sich komplexe Strukturen. Wenn du als Laie oder auch als erfahrener Entwickler im „Vibe-Modus“ den generierten Code nicht bis ins kleinste Detail prüfst, baust du dir eine technische Zeitbombe. Ein Programm kann wunderbar aussehen, während es im Hintergrund ineffiziente Datenbankabfragen stellt, die bei steigender Nutzerzahl dein System lahmlegen. Oder schlimmer: Es könnten Sicherheitslücken entstehen, die für einen Laien unsichtbar sind, aber einem Hacker Tür und Tor öffnen.
Stell dir vor, du betreibst eine Tanzschule oder ein Handwerksunternehmen. Du entscheidest dich, ein eigenes Buchungssystem per Vibe Coding zu erstellen, um Kosten zu sparen. Es funktioniert anfangs prächtig. Doch sechs Monate später ändern sich die gesetzlichen Anforderungen an den Datenschutz oder du möchtest eine neue Schnittstelle zu deinem Buchhaltungsprogramm hinzufügen.
Hier beginnt das Dilemma:
Bedeutet das nun, dass wir die Finger von KI lassen sollten? Ganz im Gegenteil! Die künstliche Intelligenz ist vielleicht die mächtigste Unterstützung, die Softwareentwickler je hatten. Der Schlüssel liegt jedoch im „Richtig eingesetzt“. Ein fähiger Programmierer nutzt die KI nicht, um das Denken zu ersetzen, sondern um es zu beschleunigen und zu verfeinern.
In einem professionellen Umfeld dient die KI als Copilot, nicht als Kapitän. Hier sind einige Szenarien, wie KI als verlässlicher Partner fungiert:
Jedes Projekt hat Anteile, die repetitiv und standardisiert sind – der sogenannte „Boilerplate-Code“. Hier glänzt die KI. Sie kann Grundgerüste erstellen, die der Entwickler dann anpasst. Das spart Zeit, die der Experte stattdessen in die komplexe Geschäftslogik investieren kann.
Ein fähiger Entwickler nutzt die KI, um seinen eigenen Code kritisch hinterfragen zu lassen. „Findest du eine effizientere Methode für diesen Algorithmus?“ oder „Gibt es hier potenzielle Sicherheitslücken?“. Die KI fungiert als unermüdlicher Korrekturleser, der auf Details hinweist, die im Eifer des Gefechts übersehen werden könnten.
Altsysteme zu modernisieren ist eine der mühsamsten Aufgaben in der IT. Eine KI kann dabei helfen, alten Code zu verstehen und Vorschläge für eine modernere Strukturierung zu machen. Der entscheidende Punkt bleibt: Der Mensch entscheidet, ob der Vorschlag sinnvoll ist.
Gute Dokumentation und automatisierte Tests sind das Rückgrat jeder stabilen Software, werden aber oft aus Zeitmangel vernachlässigt. Eine KI kann basierend auf dem geschriebenen Code Entwürfe für Dokumentationen erstellen oder Test-Szenarien vorschlagen. Das erhöht die Qualität der Software massiv, ohne das Budget zu sprengen.
Die Versuchung, durch KI auf teure Expertise zu verzichten, ist gerade für KMU groß. Doch Softwareentwicklung ist weit mehr als nur das Schreiben von Code-Zeilen. Es geht um Systemdesign, um das Verständnis von Geschäftsprozessen, um vorausschauende Planung und um die Übernahme von Verantwortung.
Ein fähiger Programmierer versteht die „Warum“-Frage. Warum wählen wir diese Datenbank? Warum ist diese Verschlüsselung notwendig? Warum muss die Anwendung modular aufgebaut sein? Vibe Coding liefert dir Antworten auf das „Wie“, kümmert sich aber selten um das „Warum“.
Wenn du für dein Unternehmen eine digitale Lösung planst, solltest du sicherstellen, dass das Fundament von jemandem gelegt wird, der sein Handwerk versteht. Die KI kann diesem Handwerker helfen, das Haus schneller und schöner zu bauen, aber sie kann nicht der Architekt sein, der dafür garantiert, dass das Haus auch bei Sturm stehen bleibt.
Vibe Coding ist ein wunderbares Werkzeug für Kreativität und persönliches Lernen. Es nimmt die Angst vor der „schwarzen Konsole“ und ermöglicht es jedem, erste Schritte in der digitalen Gestaltung zu gehen. Es ist quasi die „Lego-Phase“ der Softwareentwicklung.
Doch wenn es um dein Geschäft geht, um die Daten deiner Kunden und um die Zuverlässigkeit deiner Prozesse, solltest du den Vibe-Modus verlassen und auf Professionalität setzen. Nutze die KI, um deine Experten zu unterstützen, nicht um sie zu ersetzen. Eine ausgewogene Strategie, die menschliches Fachwissen mit der Geschwindigkeit künstlicher Intelligenz kombiniert, ist der wahre Wettbewerbsvorteil für KMU in der heutigen Zeit.
Achte darauf, dass deine Projekte nicht nur einen guten „Vibe“ haben, sondern auf einem soliden, geprüften und wartbaren Fundament stehen. So wird die Technologie nicht zum Risiko, sondern zum echten Motor für deinen Erfolg. Digitalisierung bedeutet nicht, dem Computer blind zu vertrauen, sondern ihn so zu steuern, dass er genau das liefert, was dein Unternehmen langfristig stärkt. Am Ende des Tages zählt nicht, wie schnell der erste Prototyp fertig war, sondern ob die Software auch in drei Jahren noch sicher und effizient ihren Dienst verrichtet. Dank KI haben wir heute die Chance, beides zu erreichen – Schnelligkeit und Qualität – sofern wir die Kontrolle nicht aus der Hand geben.